Salem 1692 – ein Dorf im Bann der Angst

1692, Salem, Massachusetts.
Ein kleines puritanisches Dorf. Einige Mädchen klagen über Anfälle, sie sagen: „Hexen haben uns verhext.“
Die Gemeinschaft gerät in Panik.
· Über 200 Menschen werden beschuldigt.
· Nachbarn verdächtigen Nachbarn.
· Träume und Visionen gelten als Beweise.
· 19 Menschen werden hingerichtet, einer zu Tode gefoltert.
Monate später wird klar: Es gab nie Beweise. Aber da ist es zu spät. Vertrauen zerstört. Familien zerbrochen. Das soziale Gefüge zerrissen.
Salem zeigt uns: Wir brauchen keine echten Hexen, um einander zu vernichten. Es genügt die Angst, dass Gefahr mitten unter uns lebt.
Das „erweiterte Jetzt“
Das „erweiterte Jetzt“ ist ein Moment, in dem Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart stürzen.
· Vergangene Ängste: Kontrollverlust, Verrat, Katastrophen.
· Zukünftige Befürchtungen: Identitätsverlust, Unterwanderung, Untergang.
· Verdichtete Gegenwart: Verdacht ersetzt Beweise. Labels ersetzen Wirklichkeit.
So wird Salem zur ewigen Vorlage: ein Muster, das sich in Gesellschaften wiederholt, sobald Angst zum bestimmenden Gefühl wird.

Rechte Salem-Variante: „Remigration“
Ein Wort reicht: Remigration.
Plötzlich stehen Millionen Menschen mit Migrationshintergrund im Verdacht, nicht dazuzugehören.
Sprache, Kleidung, Religion – all das wird zum Indiz.
· Loyalitätsparadox: Wer dazugehören will, muss Distanz zu „den Fremden“ zeigen.
· Labeling: „Nicht assimilierbar“ wird zum Stempel, der Menschen auf eine einzige Kategorie reduziert.
· Zeitliche Kompression: Flüchtlingskrise von 2015 + Zukunftsangst vor „Überfremdung“ = akute Bedrohung.
Das Ergebnis? Eine Phantomjagd. Sie verletzt mehr, als die behauptete Gefahr je könnte.
Staatliche Salem-Variante: „Rechtsextremismus“-Label
Das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärt die AfD zur rechtsextremen Partei.
Ein ganzes politisches Lager gerät ins Verdachtsfeld. Mitglieder, Wähler, Sympathisanten.
· Loyalitätsparadox: Wer Demokrat sein will, muss sich klar abgrenzen.
· Labeling: „Rechtsextrem“ wird zum Pauschaletikett, das Unterschiede verwischt.
· Zeitliche Kompression: Erinnerung an den Nationalsozialismus + Angst vor autoritärem Umsturz = sofortiger Handlungsdruck.
Auch hier wird der Schaden sichtbar: Differenzierungen verschwinden, der Dialog schrumpft, die AfD inszeniert sich als Opfer.
Zweirichtungsverkehr
Die Rechte sagt: „Wir schützen Deutschland vor Fremden.“
Der Staat sagt: „Wir schützen die Demokratie vor Extremisten.“
Doch beide nutzen dieselben Werkzeuge: Angst. Etikettierung. Ausschluss.
So entsteht ein Zweirichtungsverkehr der Hexenjagd. Gegner spiegeln sich gegenseitig. Beide treiben die jeweils andere Seite in den Verdacht. Und die Mitte? Sie brennt ab.
Lektion für die Demokratie
Die größte Gefahr liegt nicht in einer einzelnen politischen Richtung.
Sie liegt in der Psychologie der Jagd selbst.
· Phantomfeinde entstehen, sobald Labels wichtiger werden als Menschen.
· Selbstverstärkung tritt ein, wenn die Abwehr der einen Seite die Opferrolle der anderen bestätigt.
· Die Mitte geht verloren, wenn Zweifel, Differenzierung, Dialog verschwinden.
Die Kunst der Demokratie besteht nicht darin, bessere Jäger zu werden.
Sondern darin, nicht zu jagen.
Schlussgedanke
Salem lebt nicht in den Hexen, sondern in unserer Bereitschaft zur Jagd.
Wenn wir den Zweirichtungsverkehr heutiger Hexenjagden erkennen, gewinnen wir eine Chance:
Das Muster durchbrechen. Nicht durch die Suche nach Feinden. Sondern durch den Schutz des zerbrechlichen Netzes aus Vertrauen.
Salem endet dort, wo wir den Mut finden, nicht mehr mitzulaufen.
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Robert F. Tjón
September 2025
Dieser Text erschien zuerst auf Substack. Ich veröffentliche ihn hier freiwillig erneut – nicht als Wiederholung, sondern als Spur; ein Ort, an dem Worte nach ihrem ersten Flug zur Ruhe kommen dürfen. Jeder Eintrag in diesem Protokoll ist Teil einer fortlaufenden Reflexion über Erinnerung, Bewusstsein und Verbundenheit.
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